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"Indigenous versus Newcomer History: Von der Moravian Fairfield Mission, 1792-1902, zum Lunaapeew Kultur-Revival im 21. Jahrhundert"

Leitung: Prof. Dr. Wolfgang Gabbert, Institut für Soziologie, Hannover

Mitarbeiterin: Dr. phil. Menja Holtz

Es handelt sich um ein mikro- und kulturhistorisches Projekt, welches auf Missionsdokumenten basiert und einen biographischen Ansatz zur indigenen Geschichte verwendet. Dadurch soll die Rolle Indigener als historische Akteure und Bewahrer der Geschichte gewürdigt werden. Die Akteure zu denen ich arbeite, kamen im Rahmen der Herrnhuter Mission im 19. Jahrhundert ins heutige Ontario. Mein Zugang besteht hauptsächlich aus den Dokumenten der Mission, welche im Missionsarchiv (Bethlehem, PA) gesammelt und aufbewahrt worden sind. Sie bestehen im Wesentlichen aus Berichten, Tagebüchern sowie Briefen der (männlichen) Missionare an Autoritäten und Kollegen. In mehreren Besuchen im heutigen Moraviantown (also in der Feldforschung vor Ort) konnte ich weitere essentielle Erkenntnisse zur heutigen Tradierung delawarischer Geschichte sowie Spuren des Kulturkontakts zwischen Europäern und Indigenen gewinnen. Geleitet werde ich von zwei methodischen Fragestellungen: Erstens, ob zum Christentum konvertierte Indigene eine kulturelle Grenze zwischen Europa und Amerika überschritten haben? Zweitens, wie sich diese Grenze in der Geschichtsschreibung bemerkbar macht bzw. überwunden werden kann, konkret auf mein Projekt bezogen: eine indigene Geschichtsschreibung aus der europäisch-akademischen Tradition heraus verfasst, welche nicht vorgibt, indigen zu sein und welche die Subjekte auch als Akteure präsentiert.

In der traditionellen Geschichtsschreibung werden die Bewohner*innen des sich erst formierenden kanadischen Staates als verlängerter Arm Europas betrachtet, als „Zivilisationsbringer“. Auch die Herrnhuter Mission unter den Delaware ist in erster Linie als Begegnung zwischen Europa und Amerika gelesen und dargestellt worden: Die Konvertiten konnten Teil Europas werden – und das bedeutet, ihre alte Lebensweise gänzlich abzulegen und nur noch christliche Riten zu verfolgen, europäisches Wirtschaften zu übernehmen, sowie sich einer neuen sozialen Ordnung unterzuordnen. Die anderen bleiben „Wilde“, deren Untergang gewiss ist. Jedoch behielten sich die Konvertierten vor, die guten Seiten beider Religionen auszuwählen, und eine eigene Version christlicher Praxis zu kreieren. Ihre Strategie ist nicht explizit aus den Missionsdokumenten ersichtlich, sondern muss zwischen den Zeilen herausgelesen werden. Die Autoren der missionarischen Dokumente übernahmen jedoch den binären, rassistischen Diskurs der sich neu formierenden kanadischen Gesellschaft im Laufe der Zeit. Die Nähe und offensichtliche Zuneigung der Missionare, die zumindest aus den Texten ersichtlich ist, verschob sich hin zu einer Dichotomie von „teufelsbesessenen“, „armen“, unverbesserlichen „Indianern“ im Gegensatz zu den hart kämpfenden und (unter der Ignoranz als auch den äußeren Bedingungen) leidenden Missionaren. Im 19. Jahrhundert ist auch die Kooperation letzterer mit den staatlichen Behörden, wie dem Indian Agent nachvollziehbar, wo es zuvor eine Art Gemeinschaft gemeinsam mit den vertriebenen, indigenen Anhängern der Mission gegenüber den militanten anderen Siedlern bzw. Kolonialisten gab.

Überschritten konvertierte Lunaapeew eine kulturelle Grenze und „verrieten“ sie die Sache ihrer Ahnen, wie es vor allem christlichen Indigenen vorgeworfen wird? Meine Hypothese lautet, dass es viele Versionen eines Umgangs mit der kulturellen Grenze gab, und dass sich die Lunaapeew ein kulturelles Erbe (Cultural Heritage) bewahrt und perpetuiert haben. Methodisch ist daher das Buch  eine Explizitmachung und Analyse des Konflikts zwischen indigener und euro-kanadischer Erinnerungspolitik. Die miteinander konkurrierenden Geschichtsversionen decken auf der einen Seite die Dichotomie zwischen dem Anspruch diskursiver Hegemonie der westlichen Wissenschaft gegenüber Indigenen auf, denen weder eine aktive Rolle in der Geschichte zugesprochen wird, noch eine intellektuelle Rolle bei der Aufarbeitung selbiger. Auf der anderen Seite vertreten die Bewohner*innen Moraviantowns weder eine einheitliche, noch eine objektive oder ‚richtige‘ Sicht auf die Ereignisse – wohl aber eine legitime und zentrale.

Die Spuren indigener Geschichtstradierung untersuche ich erstens in den materiellen Überbleibseln des Alltags. Menschliches Handeln schreibt sich in Geschichte beziehungsweise Kultur-/Symbolsysteme ein und hinterlässt Spuren, die das Handeln später für Interpretationen zugänglich machen. Dabei sollten diese Zeugnisse historischer Akteure nicht mit ‚der Realität‘ verwechselt werden, auf die sie verweisen, sondern die Rezeptionspraktiken und Kontexte, in denen Spuren (zum Beispiel als Manifestationen der Begegnung) gedeutet werden, mit reflektiert werden. Konkret handelt es sich um Museumsexponate, Bilder (z.B. Photographien), Mo­nu­mente, Orte oder Gebäude.

Zweitens analysiere ich die textlichen Spuren, also die Archivdokumente, auf ihre biographischen Informationen. Die Biographien christlicher Delaware bieten exzellentes und seltenes Material, um über die Taktiken einer Gemeinschaft (community) sich selbst eine Zugehörigkeit angesichts sich verschiebender Grenzziehungen, zu kreieren. Biographien der Delaware zeigen auch die vielfältigen Mechanismen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstverortung, sowie Politiken von Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit. Cultural Heritage und Erinnerungspolitik spielen hierbei eine wichtige Rolle. Um die kulturellen Strategien der Delaware deutlich zu machen, stelle ich die Frage, wie kulturelles Erbe als Ressource einer hauptsächlich delawarischen Gemeinschaft – die eben auch als politische Einheit fungiert – eingesetzt worden ist. Im Wandel der Zeit werden bestimmte Elemente betont und verstärkt (öffentlich und intern), Spuren kultureller Begegnungen und kulturelles bzw. historisches Wissen werden bewahrt und/oder wieder angeeignet. Eine euro-kritische bzw. „indigene“ Recherche sucht also neben den schriftlichen Quellen die materiellen, mündlichen, und visuellen Spuren des Kulturkontakts, der sich u.a. in kulturelle Praktiken eingeschrieben hat.